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Die Entmenschlichung im Holocaust und seine Folgen

21. April 2026

Quelle: Birkenau Auschwitz Konzentration - Kostenloses Foto auf Pixabay (21.04.2026)

„Holocaust“, ein Wort, das Angst, Schrecken und zugleich oft auch Unwissenheit auslöst. Der Holocaust gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Geschichte. Er bezeichnet den systematischen Völkermord an sechs Millionen europäischen Juden durch das NS-Regime. Dieser Völkermord umfasste Ausgrenzung, Deportation und die industrielle Ermordung in Vernichtungslagern wie Auschwitz sowie Massenerschiessungen. Millionen von Menschen wurden nicht nur verfolgt und getötet, sondern auch systematisch ihrer Menschlichkeit beraubt. In den Konzentrationslagern war diese Entmenschlichung ständig präsent. Doch sie wirkte nicht nur von aussen, sondern hatte auch tiefgreifende Folgen für das Innere der Betroffenen. Viele verloren mit der Zeit ihr Gefühl für die eigene Identität. Es kam zu Identitätsverlust. Daraus ergibt sich die Frage: Was passiert, wenn Menschen nicht mehr als Menschen gesehen und behandelt werden?

Entmenschlichung im Holocaust

Zunächst muss der Begriff „Entmenschlichung“ definiert werden. Als Entmenschlichung oder Dehumanisierung bezeichnet man die Wahrnehmung von Menschen als nicht menschlich.

Entmenschlichung kann auf verschiedene Arten geschehen. Einerseits dann, wenn die Unterschiede zwischen Mensch und Tier nicht mehr anerkannt werden. In diesem Fall werden zentrale menschliche Eigenschaften wie Moral, Schuld oder Kultur als irrelevant angesehen. Andererseits kann sie auch auftreten, wenn typisch menschliche Eigenschaften wie Wärme oder Offenheit ignoriert werden. Menschen werden dadurch zu Objekten abgewertet. 

Häufig wird Entmenschlichung von negativen Emotionen begleitet. Abscheu, Verachtung, Ekel oder Mangel an Empathie können dazu führen, dass moralische Grenzen überschritten werden und sich Hass entwickelt.

Die Identität einer Person

Wie bereits erwähnt, ist Entmenschlichung ein äusserer Faktor, der das Innere eines Menschen stark beeinflusst und zum Identitätsverlust führen kann. Identität besteht aus einer inneren und einer äusseren Seite. Die innere Seite umfasst den Charakter, persönliche Erfahrungen und die individuelle Sicht auf die Welt. Sie zeigt, wie ein Mensch sich selbst wahrnimmt und welche Werte er sich zuschreibt.

Die äussere Seite der Identität beschreibt hingegen, wie eine Person von anderen gesehen und behandelt wird. Eine stabile Identität entsteht, wenn diese beiden Seiten übereinstimmen. Ist dies nicht der Fall, kann es zu einer Identitätskrise kommen.

In solchen Situationen reagieren Menschen unterschiedlich. Einige zerbrechen daran und gehen zugrunde, während andere versuchen, ihre Identität aktiv zu stabilisieren. Dabei kann es vorkommen, dass Erinnerungen ausgeblendet, neu geordnet oder anders interpretiert werden. Diese Anpassungen dienen dazu, dem eigenen „Ich“ wieder Halt zu geben. Besonders in Erinnerungsberichten wird dieser Prozess deutlich sichtbar.

Einen solchen Einblick bietet der Erinnerungsbericht von Anita Lasker. Das Buch „Ihr sollt die Wahrheit erben“ erzählt die Lebensgeschichte von Anita Lasker und ihrer Schwester Renate im Konzentrationslager.

"Ihr sollt die Wahrheit erben"

Im Buch sagt Anita oft, dass sie sich nicht mehr genau an das Geschehen erinnern kann. Dies kann natürlich am grossen zeitlichen Abstand zwischen dem Geschehen und dem Erzählzeitpunkt liegen, da sie erst im Erwachsenenalter über ihre Jugend schreibt. An einigen Stellen kann diese Begründung zutreffen, aber nicht überall. Erinnerungen erhalten mit der Zeit oft eine neue Bedeutung.

Vielleicht ist dieses „Vergessen“ auch als eine Art Schutzmechanismus zu sehen. Es schützt Anita vor dem, was sie erlebt hat, damit sie sich nicht zusätzlich belastet wird, und bietet ihrem „Ich“ die Stabilität, die sie braucht. Dies ist jedoch lediglich als These zu verstehen.

Auch an anderen Stellen kann eine Veränderung der Erinnerungen vermutet werden. Zum Beispiel, als Anita erzählt, dass sie sich im Konzentrationslager Bergen-Belsen freiwillig meldete, um die erste Leiche wegzutragen, um sich selbst zu beweisen, dass sie alles bewältigen könne. Die Lebensumstände in Bergen-Belsen waren jedoch alles andere als gut oder angenehm. Es ist daher eher unwahrscheinlich, dass dies tatsächlich die erste Leiche war.

Sehr wahrscheinlich spielt hier ihre eigene Erinnerung eine Rolle. Vielleicht wurde sie bereits zuvor dazu gezwungen, und es handelte sich gar nicht um ihre erste Erfahrung dieser Art. Möglicherweise wollte sie sich dadurch wieder als Mensch wahrnehmen, der Kontrolle über ihr Handeln hat. Ob dies wirklich genau so geschah, lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären.

Kurz nach der Befreiung spricht Anita zudem über Plünderungen, an denen sie zunächst teilnehmen wollte, es dann aber doch nicht tat. Auch hier stellt sich eine Frage: Hat Anita tatsächlich nie geplündert, oder hat sich ihre Erinnerung verändert, um ihr eigenes „Ich“ zu stabilisieren?

Im Zusammenhang mit Identität kann auch eine andere Stelle im Buch genannt werden. Anita und Renate überlebten die Grausamkeiten unter anderem durch die Musik.  Da Anita sehr gut Cello spielen konnte, wurde sie Teil des Orchesters im Konzentrationslager. Dadurch erhielt sie den Ruf der „Cellistin“, was ihr eine neue Form von Identität gab.

Im Gegensatz dazu standen die anderen Häftlinge, bei denen der Name, ein essentieller Bestandteil der Identität, keine Bedeutung mehr hatte. Stattdessen trugen sie Nummern, die ihnen tätowiert wurden, und wurden im Lager zu einer anonymen Masse reduziert.

Der Ruf als „Cellistin“ half Anita, sich selbst nicht vollständig zu verlieren. Sie blieb dadurch eine „Jemand“ im Lager. Dieser Status rettete ihr auch mehrmals das Leben. Es kam immer wieder vor, dass sich alle Häftlinge versammeln mussten. Wer zu schwach war, daran teilzunehmen, wurde getötet. Einmal war Anita so krank, dass sie nicht aufstehen konnte. Als die Wärter sie holen wollten, liessen sie Anita jedoch in Ruhe, weil sie die „Cellistin“ war.


Zusammenfassend zeigt sich, dass Entmenschlichung nicht nur die äusseren Lebensbedingungen der Menschen im Konzentrationslager veränderte, sondern auch tief in ihr Inneres eingriff. Erinnerungen, Identität und Selbstwahrnehmung wurden dadurch stark beeinflusst und teilweise neu geordnet.

Der Bericht von Anita macht deutlich, wie eng Überleben, Erinnerung und Identität miteinander verbunden sind. Gleichzeitig bleibt offen, wie genau sich Ereignisse tatsächlich zugetragen haben. Genau darin zeigt sich, wie sehr traumatische Erfahrungen die Wahrnehmung eines Menschen verändern können.