Manchmal sind es nicht die grossen Taten, sondern die kleinen, die uns am meisten beschäftigen.

Im Unterricht haben wir das Werk «Die Ermordung einer Butterblume» von Alfred Döblin gelesen und besprochen. Meiner Ansicht nach ein sehr interessantes Werk mit einem Erzähler, dem man nicht trauen kann, und einem psychologischen Hintergedanken. Während des Lesens dieses Werkes irritierte mich etwas. Wieso um alles auf der Welt macht sich Michael Fischer so viele Sorgen um die Butterblume? Wieso hat er derart starke Schuldgefühle? Er hat doch nicht wirklich jemanden ermordet. Wieso so ein grosses Drama über einer solchen Kleinigkeit? Auf den ersten Blick fand ich Fischers Reaktion unnötig, ja sogar fast lächerlich. Aber je weiter ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass es vielleicht doch nicht so lächerlich ist, wie anfangs gemeint.
Um diese Fragen besser einordnen zu können, lohnt sich ein kurzer Blick auf das Werk selbst. «Die Ermordung einer Butterblume» von Alfred Döblin gehört zur modernen Literatur und steht damit im Gegensatz zu traditionelleren Werken wie etwa «Ein Doppelgänger» von Theodor Storm. Das Werk wurde 1905 veröffentlicht und rückt vor allem die innere Gefühls- und Gedankenwelt der Hauptfigur Michael Fischer statt die äussere Handlung ins Zentrum. Gerade deshalb lohnt es sich, den Moment genauer zu betrachten, in dem Fischer die Butterblume ausreisst.
In dem Moment, als Fischer das Unkraut beziehungsweise die Butterblume reisst, sind die Schuldgefühle noch nicht vorhanden. Diese kommen meistens im Nachhinein, wie meine eigene Erfahrung zeigt. Die Schuldgefühle entstehen jedoch nicht aus der Grösse der Tat, nein. Sie entstehen, wenn man sich der Tat bewusst wird, also wenn man anfängt, über das Handeln nachzudenken. Fischers, objektiv unbedeutende, Handlung erschüttert ihn. Ja, es treibt ihn sogar in den Wahnsinn und zu Suizidgedanken. Daher kann gesagt werden, dass kleine Handlungen grosse seelische Wirkung entfalten können.
Und wieso haben kleine, unbedeutsame Taten meistens einen so starken Impact auf uns?
Ich kann dazu etwas aus meinem Alltag sagen. Grosse Handlungen sind oft geplant, kontrolliert und durchdacht. Wir überlegen uns im Voraus genau, wie wir uns in einer bestimmten Situation benehmen, reagieren und verhalten wollen. Bei kleinen Taten meinen wir oft, dass sie derart unwichtig sind, dass wir uns in dem Moment nichts weiter überlegen. Darum sind kleine Taten oft spontan. Spontanität verbinde ich meistens mit Ehrlichkeit. Ich weiss, dass eine Person ehrlich zu mir ist und mir nichts vorspielt, wenn sie sich spontan auch gleich benimmt wie üblich. Das impulsive Abreissen der Blume zeigt den unbewussten triebhaften Teil des Menschen. Es zeigt auch, dass Fischer nicht unbedingt der geduldigste Mensch auf der Erde ist. Dies erstaunt mich jedoch nicht wirklich, wenn man bedenkt, dass er seine Lehrlinge schlägt, wie es kurz im Werk erwähnt wird. Kleine Vergehen sind moralisch oft aufschlussreicher, weil sie uns unverstellt zeigen.
Ich sehe Ähnlichkeiten zwischen Fischer und einem modernen Menschen. Ich tu oft kleine, unüberlegte Dinge, die Folgen haben könnten. Ein Beispiel aus meinem Alltag wäre das Wegwerfen von Abfall auf Strassen. Es ist zwar ein kleines Vergehen, doch wenn alle das Gleiche tun würden, dann würden wir in eine schmutzige Stadt wohnen und das wollen wir ja nicht, oder? Im Gegensatz zu Fischer würde ich jedoch keine extremen Schuldgefühle entwickeln. Dieses kleine Vergehen würde mein Alltag und mein Leben nicht so stark prägen, sodass sich alles nur noch um das handelt. Dies ist bei Fischer mit der Butterblume nämlich ja auch der Fall. Diese „Ermordung“ an die Butterblume geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Seine Gedanken kreisen nur noch um die ermordete Butterblume.
Was ich allerdings als positiv empfinde bei Fischers Reaktion ist, dass ihm so kleine Dinge beschäftigen. Ich habe mal gelesen, dass wahre Menschlichkeit sich darin zeigt, dass uns selbst kleine Dinge berühren können. Das heisst: Wer wegen einer kleinen Tat Schuld empfindet, zeigt eine moralische Tiefe. Fischers Gewissen und Schuldgefühle sind, aus dieser Perspektive betrachtet, ein Zeichen der Empathie und Menschlichkeit. Das Bewusstsein der eigenen Verantwortung macht uns menschlich.
Eine Antwort auf die Frage, wieso Fischer so stark überreagiert und sich so viele Gedanken über die Blume macht, ist nicht leicht zu finden. Ich glaube, der Fokus liegt auch nicht wirklich auf das Beantworten dieser Frage, sondern viel mehr auf den Gedankenspiel, dass das Bewusstsein von unseren Taten wichtig ist. Die Erkenntnis, dass kleine Taten grosse Wirkungen mit sich tragen und dass sie uns unverstellt zeigen, erscheint mir ein zentraler Punkt meiner Überlegungen.